Die Prostata – Identitätsstiftend, vermeintlicher G-Punkt, möglicher Sitz eines Krebses

Eine Buchempfehlung von Marie Niederleithinger

 

Stellen Sie sich vor, eine Verabredung zum Spaziergang; ein Gang aufs Amt; eine andere Erledigung steht an – irgendetwas, was Sie dazu bringt, Boden zu betreten, der Ihnen nicht vertraut ist. Dann setzt er ein: der überwältigende Harndrang. Sie kennen den Weg zur nächsten Toilette nicht! Stellen Sie sich vor, Sie können gar nicht erst Bus oder Bahn außerhalb Ihres gewöhnlichen Radius benutzen – aus Angst, unterwegs aufs WC zu müssen.

Wer findet im öffentlichen Raum ausreichend Toiletten? Eine der Autorinnen unserer Buchempfehlung „Der Mann und die Prostata“ antwortet: der gesunde, junge Mann. Für alle Personen, die aus diversen Gründen öfter aufs Klo müssen als dieser „normale Mann“, kann das Unterwegssein sehr ungemütlich werden – wie viele von uns aus erster Hand wissen.

Damit wären wir auch bei der Prostata, denn: wächst sie gutartig oder bösartig – als Krebs – an, drückt sie auf die Blase, sodass die Person gefühlt ständig aufs Klo muss. Die Prostata sitzt im Beckenboden. Unterhalb der Blase umschließt sie dort die Harnröhre. Letzteres erklärt, warum sich Betroffene auf dem ersehnten Klo dann nicht wirklich vom Harndrang erleichtern können. Und die Suche nach dem stillen Örtchen wenig später von vorn beginnen wird. Eine der häufigsten Nebenwirkungen von Therapien gegen Prostatakrebs ist zudem eine Harn- und/oder Stuhl-Inkontinenz. Das Thema Toilette gehört also zum Gespräch über die Prostata.

Für unser Teammitglied Marie war das Sachbuch von Maria Björkman eines der spannendsten, welches sie 2020 las. Es ist übersichtlich; dank weiterführender Quellen und Erklärungen genau; und die einzelnen Kapitel sind schnell gelesen. Einige Illustrationen zeigen etwa die anatomische Umgebung der Prostata oder historische Harnröhren-Katheter.

Mythen versus Wissen

Björkman forscht als Expertin für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Uppsala, Schweden – unter anderem zum Schwerpunkt Urologie. Sie und ihre acht Co-Autor*innen schubsen uns an, über die Prostata nachzudenken: Was ist das walnussgroße Organ; was ist es nicht; und warum geht es nicht nur Menschen mit eigener Prostata etwas an? Dabei wird deutlich, dass Mythen über die Prostata weiterverbreiteter sind als Wissen. Wir wissen bis hierhin schon, wo die sogenannte Vorstehdrüse sitzt – doch was tut sie dort? Unter anderem produziert sie einen Teil der Flüssigkeit, in der die Samenzellen schwimmen.

Co-Autorin Carina Danemalm Jägervall – sie ist auf sexuelle Rehabilitation spezialisiert – schreibt, dass nach dem operativen Entfernen (von Teilen) der Prostata der Samenerguss ausbleibt. Gut zu wissen, oder? Denn verstecken lässt sich das vor einer Partnerin oder einem Partner nicht. Darüber zu reden kann die Situation erleichtern. Die Autorin hat uns zum Thema Sex geführt – unausweichlich, wenn es um die Prostata geht. Sie hat einen Ruf als Lustspenderin!

Der G-Punkt des Mannes: Wir können uns fragen, ob wir da einem Märchen aufsitzen, das erfunden wurde, um das Label „schwul“ für etwas zu umgehen, was sich für egal wen gut anfühlen kann. Laut Danemalm Jägervall ist es jedenfalls noch nicht wissenschaftlich belegt, dass wir der Prostata Orgasmen verdanken. Und ihre gute Nachricht lautet: Auch nach dem Entfernen der Drüse kann anale Stimulation noch Lust bringen.

Wenn Mann Normen nicht erfüllen kann

Was beim Lesen von „Der Mann und die Prostata“ klar wird: Die Prostata ist mehr als ein bloßes Organ – an ihr sind ganze Identitäten konstruiert. Der Mann ist potent. Der Mann ist kontinent. Der Mann ejakuliert. Der Mann hat die Kontrolle über den eigenen Körper und auch über den Anderer. Der medizinische Soziologe und Co-Autor Jelmer Brüggemann richtet unseren Blick auf dieses Bild, das in unserer Gesellschaft so weitverbreitet ist. Er zeigt auf, dass viele Prostatakrebs-Kampagnen es verstärken. In den Broschüren seien sie abgebildet: die heterosexuellen, weißen Männer aus der Mittelschicht – liebevolle Väter und Großväter – die sich um die eigene Gesundheit und das Wohl der Familie kümmern. Wie viele der Betroffenen sich in diesen Bildern wohl tatsächlich wiederfinden?

Laut Brüggemann wird es für Betroffene von Prostatakrebs unumgänglich, sich mit dem gesellschaftlichen Konstrukt „Männlichkeit“ auseinanderzusetzen. Ein Arbeiten an der eigenen männlichen Identität, wenn man die Norm nicht (mehr) erfüllen kann. Er skizziert drei Strategien: eins – den Körper möglichst schnell wieder „funktionstüchtig“ machen, zwei – Männlichkeit umformulieren, wobei das offene Sprechen über Nebenwirkungen von Therapien und das Engagieren für andere Betroffene als Stärke gewertet werden, drei – die Energie, die zuvor für das „Mann-Sein“ reserviert war, anderen Gesichtspunkten des (Zusammen-)Lebens widmen.

Die schwierige Situation von Prostatakrebs-Patienten könne so zum Momentum werden, sich von belastenden Normen freizumachen – herauszufinden, was für die eigene Identität entscheidend ist. Der Soziologe motiviert uns deshalb dazu, die ganz eigenen Geschichten der Patienten zu hören, und fragt: „Ist unsere Sprache angemessen reichhaltig, damit an Prostatakrebs erkrankte Männer in Worte fassen können, wie sie ihre Erkrankung und die damit verbundenen körperlichen Veränderungen empfinden?“ Oder schränkt unser gängiges Vokabular zu „der Männerkrankheit“ von vorneherein ein, was wir zum Beispiel in der Gesundheitsforschung von den Betroffenen zu hören bekommen?

Ich von Morgen – zum Einfluss von Vorsorge auf unsere Lebensgestaltung

Eine weitere heiße Debatte greift Oscar Javier Maldonado Castañeda, ebenfalls Soziologe, mit seinem Kapitel zum Prostata-spezifischen-Antigen (PSA)-Wert auf. Ein erhöhter Wert kann ein Hinweis auf Krebs sein – muss aber nicht. Patienten und Patientenvertreter*innen fordern ein regelmäßiges Messen, um einen Prostatakrebs früh erkennen zu können – sodass Spezialist*innen ihn entweder behandeln oder im Auge behalten. Maldonado Castañeda interessieren aber auch die Ängste und Entscheidungen, die mit einem Befund „PSA-Wert erhöht“ kommen können, bevor ein Krebs durch weitere Untersuchungen überhaupt bestätigt wurde. Er weitet seine Betrachtung aus: „Unsere Gesellschaft scheint von der Zukunft besessen – ein Zustand, den einige Soziologen als »Regime der Vorhersage« bezeichnen und in dem medizinische Tests und Präventionsmaßnahmen maßgeblich darüber bestimmen, wie wir unser Leben organisieren und für unsere Körper sorgen.“

Stecken gesellschaftliche Motive hinter der Aufforderung, verantwortungsvoll für unser künftiges Ich zu sorgen und Risiken abzuwägen? Welche Bedeutung hat es für uns persönlich, einer unsicheren Zukunft mit Vorsorge und Disziplin zu begegnen – einer Zukunft, welche Älterwerden und eine gewisse Abhängigkeit von anderen mit sich bringt. Womit wir wieder bei der Gesellschaft angelangt sind: Mit ihrer symbolischen Bedeutung und dem, was Personen erleben, wenn das Organ nicht gesund ist, geht die Prostata uns alle etwas an. Gegen Schweigen und schädliche Stereotype müssen wir gemeinsam kämpfen. Und wie wäre es mit ein paar mehr öffentlichen Toiletten?

Wir danken der Selbsthilfe Prostatakrebs, und insbesondere unserem Teamkollegen Ekkehard Büchler, für das Zuspielen der anregenden Lektüre, die noch weit mehr spannende Themen enthält, als hier skizziert! Marie hat das Buch zu Weihnachten verschenkt

Titel:

Der Mann und die Prostata. Kulturelle, medizinische und gesellschaftliche Perspektiven.

Maria Björkman (Hg.), 2019. 19,99 Euro

Link:

Der Mann und die Prostata bei transcript Verlag (transcript-verlag.de)

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